Ghostwriting, das Schreiben von Texten für andere, ist eine Praxis, die so alt ist wie die Schrift selbst. Durch die Jahrhunderte hindurch haben Schriftsteller im Verborgenen für andere gearbeitet, um Werke zu produzieren, die dann unter einem anderen Namen veröffentlicht wurden. Ghostwriting von der Antike bis zur Gegenwart – ein kleiner geschichtlicher Exkurs.

Ghostwriting in der Antike: die Kunst der unsichtbaren Feder
Im antiken Griechenland besaß das Schreiben eine heilige und zugleich handwerkliche Dimension. Diese Zeit, geprägt von blühender Philosophie, leidenschaftlicher Rhetorik und komplexen politischen Intrigen, war die Geburtsstunde eines besonderen Berufs: den der Logographen.
Das Wort „Logograph“ leitet sich von den griechischen Worten „λόγος“ (logos), was „Wort“ oder „Rede“ bedeutet, und „γραφέιν“ (graphein), „schreiben“, ab. Dabei waren die Logographen nicht nur einfache Schreiber oder Stenographen. Sie waren Künstler des Wortes, die im Auftrag anderer Reden und Texte verfassten.
Denn Menschen, die Schreiben und Lesen konnten, waren im antiken Griechenland eine Seltenheit. Sie galten als elitäre Gruppe, bestehend aus freien Bürgern, Freigelassenen und sogar Sklaven.
So konnten diejenigen, die umfassende rhetorische Fähigkeiten besaßen, einen hohen sozialen Status und erheblichen Wohlstand erlangen. Dies galt insbesondere für die Logographen, die sich darauf spezialisiert hatten, Reden für andere zu verfassen. Solch eine rhetorische Fertigkeit war besonders in politischen Arenen und Gerichtssälen unerlässlich.
Lysias – Ghostwriter der Antike
Ein bekannter Geisterschreiber der Antike war Lysias, der eine Verteidigungsrede für den wegen Gottlosigkeit („Asebie“), Einführung neuer Gottheiten und Verführung der Jugend angeklagten Sokrates verfasst haben soll. Lysias bekannteste Rede ist aber die Verteidigungsrede im Mordfall von Eratosthenes.
In der Rede erklärt Euphiletos, wie er von der Affäre seiner Frau erfuhr und wie er Eratosthenes in flagranti mit ihr erwischt haben will. Er rechtfertigte seine Tat mit dem Gesetz, das einem betrogenen Ehemann die Ermordung eines Liebhabers erlaubte, wenn dieser im eigenen Schlafzimmer ertappt wurde. Laut Euphiletos habe er legitim gehandelt und nur die Gesetze Athens befolgt.
Das Bemerkenswerte an der Rede ist ihre detailreiche Darstellung der Ereignisse. Aber auch die Art und Weise, wie Lysias die Emotionen des Publikums manipuliert, um so Sympathien für Euphiletos zu wecken.
Lysias‘ Talent bestand darin, sich perfekt in die individuellen Situationen und Persönlichkeiten seiner Klienten hineinzuversetzen – eine Fähigkeit, die heute essenziell für einen professionellen Ghostwriter ist.
Antiphon von Rhamnus
Antiphon von Rhamnus (oder Rhamnos) war ebenfalls ein bedeutender griechischer Redner und Logograph des 5. Jahrhunderts v. Chr. Er ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tragödiendichter.
Das Besondere: Antiphon gilt als einer der ersten Logographen, der Reden für andere verfasste. Neben seiner Tätigkeit als Redenschreiber war Antiphon auch politisch aktiv. Er war ein Gegner der Demokratie und beteiligte sich am Sturz der Demokratie 411 v. Chr. und deren Ersetzung durch eine kurzlebige Oligarchie („Rat der Vierhundert“).
Nach dem Scheitern des Putsches wurde Antiphon wegen Landesverrat angeklagt. Seine Verteidigungsrede vor Gericht verfasste er selbst. Der Prozess endete mit einer Anklage und der Verurteilung zum Tode.
Von Antiphons vielen Reden sind nur wenige Fragmente erhalten. Sie zeugen jedoch von seiner rhetorischen Brillanz und seinem stilistischen Einfluss auf spätere Redner wie Thukydides.
Ghostwriting in der Antike – weitere bekannte Persönlichkeiten
Isokrates war nicht nur ein brillanter Redner und Autor, sondern auch ein Pädagoge, der das Bildungssystem seiner Zeit revolutionierte. Mit der Gründung seiner Rhetorikschule in Athen legte er den Grundstein für eine umfassende Ausbildung in der Kunst der Überzeugung und öffentlichen Rede. Seine Schule zog Schüler aus dem gesamten griechischen Raum an, und viele seiner Absolventen belegten später hohe Ämter. Isokrates‘ Vorstellungen von Bildung und Rhetorik waren so einflussreich, dass sie Generationen von Denkern und Rednern prägten. Er betrachtete die Rhetorik nicht nur als ein Mittel zur Überzeugung, sondern auch als ein Werkzeug zur Bildung des Charakters und zur Förderung des Gemeinwohls.
Demosthenes dagegen ist ein Paradebeispiel für die transformative Kraft der Rhetorik. Ausgehend von persönlichen Herausforderungen – sowohl in seiner Jugend, als er mit einem Sprachfehler zu kämpfen hatte, als auch im Erwachsenenalter, als er die Verwalter des Nachlasses seines Vaters auf Schadensersatz verklagte – nutzte Demosthenes seine rhetorischen Fähigkeiten, um nicht nur in individuellen Auseinandersetzungen zu triumphieren, sondern auch um das politische Schicksal Athens zu beeinflussen. Seine Reden gegen Philipp von Makedonien, bekannt als die „Philippischen Reden“, sind bis heute legendär. Sie zeugen von seinem unermüdlichen Engagement für die Unabhängigkeit Athens und die Freiheit der griechischen Stadtstaaten.
Ghostwriting im Mittelalter
Während das Ghostwriting in der Antike vor allem im Zusammenhang mit rhetorischen Fähigkeiten und öffentlichen Reden bekannt war, hatte es im Mittelalter und in der frühen Neuzeit andere Facetten. In einer Zeit, in der Bildung und schriftliche Kenntnisse hauptsächlich auf die geistlichen Institutionen beschränkt waren, waren professionelle Schreiber von großer Bedeutung für die Gesellschaft.
- Königliche und adlige Höfe: An königlichen und adligen Höfen war es üblich, dass Chronisten oder Gelehrte Texte und Briefe im Namen des Herrschers verfassten. Diese Texte dienten oft als Dekrete, politische Erklärungen oder sogar als Korrespondenz mit anderen Herrschern. Ein Beispiel dafür ist Peter von Blois, ein Gelehrter des 12. Jahrhunderts, der als Sekretär für verschiedene englische Bischöfe tätig war und zahlreiche Briefe und Schriften in ihrem Namen verfasste.
- Päpstliche Ghostwriter: Während des gesamten Mittelalters beschäftigte der Vatikan einen Stab von Schreibern und Notaren, die für den Papst und die Kurie arbeiteten. Sie waren für das Verfassen und Kopieren von päpstlichen Bullen, Dekreten und Briefen verantwortlich.
- Monastische Schreibstuben: Viele Klöster hatten Skriptorien, in denen Mönche Manuskripte kopierten und manchmal sogar Originaltexte verfassten. Diese Schreibstuben waren zentrale Orte der Bildung und Literaturproduktion im Mittelalter.
Ghostwriting in der Neuzeit
Mit der Neuzeit hat sich die ursprüngliche Form des Ghostwritings der Antike stark gewandelt. Heute stehen nicht mehr nur Verteidigungsreden und politische Ansprachen im Fokus der Geisterschreiber. Mit dem Aufkommen des Buchdrucks, der Verbreitung von Bildung und später der Entwicklung moderner Kommunikationsmittel hat sich die Nachfrage nach geschriebenen Inhalten erheblich erhöht, wodurch sich auch die Rolle der Ghostwriter verändert hat.
- Literatur: Hier nimmt Alexandre Dumas eine bemerkenswerte Stellung ein. Bekanntlich unterhielt er ein Schreibatelier mit einer Vielzahl von Ghostwritern. Bedeutende Figuren wie Auguste Maquet, der einen erheblichen Beitrag zu Werken wie „Der Graf von Monte Christo“ und „Die drei Musketiere“ leistete, und Gérard de Nerval, der viele Historienromane und Dramen schrieb, die unter Dumas‘ Namen veröffentlicht wurden, waren Teil dieses Ateliers. Allein 1844 entstanden durch diese Zusammenarbeit mindestens 13 Bücher. Heute ist es schwierig, festzustellen, welche der vielen Werke tatsächlich aus Dumas eigener Feder stammen, welche in Zusammenarbeit entstanden und welche ausschließlich von seinen Ghostwritern verfasst wurden.
- Politik: Ghostwriting ist in der politischen Arena weit verbreitet. Politiker, besonders auf höchster Ebene, ziehen häufig Ghostwriter für ihre Reden, Memoiren oder politischen Schriften heran. Diese helfen nicht nur bei der Formulierung von Gedanken, sondern erarbeiten auch Strategien, um die Botschaften am effektivsten an das Publikum zu vermitteln.
- Akademisches Ghostwriting: Dies ist ein umstrittenes Gebiet des Ghostwritings, bei dem Studierende gegen Bezahlung schriftliche Arbeiten für ihre Kurse oder Abschlussarbeiten in Auftrag geben. Solange die Arbeiten nur als Vorlage und Ideengeber genutzt werden, aber nicht als fertige Arbeit eingereicht werden, ist diese Form aber legal.
- Musik: Im Musikgeschäft, insbesondere in den Genres Pop, R&B und Hip-Hop, ist das Ghostwriting ein offenes Geheimnis. Während einige Künstler offen über die Zusammenarbeit mit Songwritern sprechen, behalten andere die Identität ihrer Ghostwriter für sich.
- Ghostwriting für Unternehmen: CEOs, Manager und Unternehmensführer greifen für ihre Unternehmenskommunikation (Newsletter) oft auf die Arbeit eines Ghostwriters zurück.
- Autobiografien: Viele Prominente, Sportler oder öffentliche Persönlichkeiten ziehen Ghostwriter für ihre Memoiren oder Autobiografien heran, da sie selbst möglicherweise nicht die Zeit oder das schriftstellerische Geschick haben, ihre Geschichten zu Papier zu bringen.

Als Senior Texterin und Senior Copywriterin schreibe ich SEO-optimierte Texte für Unternehmen verschiedener Branchen. Außerdem biete ich extra SEO Schulungen und Texter-Schulungen an (SEO Beratung). In meiner Freizeit schreibe ich natürlich auch, bevorzugt Kinderbücher. Und wenn ich nicht am Schreibtisch sitze, genieße ich das Wandern in meiner Heimat, dem Bayerischen Wald.